Bonuskapitel

Wie er Anna kennenlernt (aus Dobbs‘ Sicht)

Ein halbes Jahr Ermittlungen. Drei Monate für das psychologische Gutachten. Sieben Monate für das Verfahren vor Gericht. Vier Wochen Vorbereitung für diese unsäglichen Abende. Und jetzt, nach zwei von drei Veranstaltungen, habe ich keine Lust mehr. Warum? Denkbar schlechter Kaffee aus einer monströsen Pumpkanne. Zur Begrüßung einen feuchten Händedruck einer blutjungen, viel zu nervösen Psychologiedozentin, deren Namen ich sofort wieder vergessen hatte, die aber viel zu aufgetakelt wirkt und die seit zehn Minuten zurück sein müsste, um mich anzukündigen. Und draußen, hinter dieser Tür, sitzen beinahe vierhundert Studenten, die zu Recht ungeduldig werden. Ganz ehrlich? Die Marburger Uni schuldet mir nun etwas – nicht mehr andersherum.
Ich erwarte von niemandem, dass er mir den roten Teppich ausrollt, aber so wie ich bei den anfänglichen Gesprächen mit meiner Agentin umgarnt wurde, habe ich mir irgendwie doch ein wenig mehr Engagement erhofft. 

Sogar die Presse ist anwesend, wie es scheint. Hinten in der hintersten Reihe fand eine dralle Blondine Platz. Sicher von der Zeitung, denn ein dazugehöriger dürrer Fotograf schleicht sich die Treppen an der Seite hinunter – vorbei an Studenten, die nur noch stehend oder auf den Stufen sitzend, Platz finden konnten. 
“Profiler, Kriminalpsychologe, Bestsellerautor, Marburger Blut”, so titelten die Zeitungen. Okay, meinen Glatzkopf hätten sie nicht so überdimensional groß darstellen müssen, wobei hingegen die Tatsache, dass ich Kripokommissar bin, ihnen scheinbar nicht spannend genug schien. Damit muss ich wohl leben. Auch damit, dass meine Agentin Claire bereits vor Wochen die ganz große Werbetrommel gerührt und die drei Veranstaltungen beworben hat. Thematisch dem Publikum angepasste Events – binnen kürzester Zeit ausverkauft. Keine Ahnung, wie sich Personen derart für echte Fälle begeistern konnten. True Crime. Gründe: Voyeurismus, morbide Neugier, Schaulust. Eigentlich nichts, was ich befeuern will. Aufklärung, ja, aber das hier hat nichts mehr mit Aufklärung und Lehre zu tun. Vielleicht sollte ich über einen Wechsel zurück in die Wissenschaft und Forschung nachdenken.

Freitag sprach ich vor der örtlichen Prominenz in Abendgarderobe, die allesamt interessiert wirkte und es auch blieb, zumindest solange ich ausreichend blutige Details beisteuerte. Mehr als es für ein reguläres Abendprogramm normal gewesen wäre. Diese Personen im feinen Zwirn wollten Blut, sie kriegten Blut. Auch wenn es bei einem Krimidinner vielleicht wirklich nicht die beste Idee gewesen ist, Bilder von verstümmelten Leichenteilen in Erbrochenem zur Vorspeise zu servieren. Wenn aber lustig – zumindest für mich, denn spätestens beim Dessert mussten ein paar der True Crime-Fans sich dringend die Nase pudern. Und so kam auch ich auf meine Kosten. Und meine Zuschauer hielt es auf den Beinen. 
Ebenso wenig mochte ich das Publikum am Sonntag. Zahlende Zuhörer, die gut Geld latzten, um mich über psychotische Intensivtäter reden zu hören. Unvorstellbar und höchst bedenklich. Diese Sensationslüsternheit und dieses morbide Interesse an allem … nun ja, Morbiden. Dass im Publikum meist Frauen saßen und auch bei der Autogrammstunde zahlreiche offenherzige Mittvierzigerinnen mit unechten Nägeln und Wimpern mit mir sprechen wollten, ist nicht das, was ich will. Das bin nicht ich. So will ich nicht sein. So war ich auch noch nie.
Und heute, zu guter Letzt, spreche ich vor einem Hörsaal, der aus allen Nähten platzt. Ausschließlich ausgewählte Studierende, allesamt kurz vor ihrem Abschluss in der Biologie, der Medizin, den Rechtswissenschaften, aber vor allem aus der Psychologie. Darunter auch Doktoranden und Dozierende, wie es schien. So wie es die Anmeldeliste verlauten ließ. Am Ende der Vorlesung erhoffe ich mir hochwertige Diskussionen. Vielleicht finden sich heute bereits Material, oder zumindest Ansätze, für das kommende Buch. Ein Krimi veröffentlicht unter meinem neuen Pseudonym. Sachbücher habe ich, in Ermangelung an zu erforschenden Elementen in meinem Leben, erstmal auf Eis gelegt. Obwohl … wer weiß, wen ich heute noch treffen werde. Vielleicht genügt es für ein paar Denkanstöße zu weiteren Forschungsansätzen. Das wäre doch ganz erfrischend.
Manchmal hilft es, einen Sachverhalt mit unverbrauchten Augen zu betrachten. Davon finde ich hier wohl einige. Immerhin will ich dem Publikum einen haarsträubenden und vor allem realen Fall eines schizophrenen Mannes vorstellen, der im paranoiden Wahn sein gesamtes Fußball-Team abschlachtete. Ja, ich weiß, ein reißerisches Thema, interessant aufgemacht und streitbar, wie mit dem Täter umzugehen ist. Denn genau damit ließ sich die Komplexität der Rechtsprechung in Kombination mit der Kriminalpsychologie erklären. Dass der Mann seine Taten im paranoid-schizophrenen Schub ausübte, würde ich erst am Ende nennen. Und noch später würde ich erwähnen, dass der Mann nicht wusste, wie schlecht es ihm gesundheitlich ging, bis mein damaliges Team ein Profil erstellt hatte. Ein Profiling im Stil des großen FBI. So in etwa, wie es in jedem modernen US-Krimi zu sehen ist. So wie es die meisten der Anwesenden aus dem Fernsehen kannten. Die gleichen Leute, die dachten, ich sei ein Profiler.
Vielleicht sollte ich wirklich überlegen, im nächsten Semester hier ein Seminar oder eine Vorlesung anzubieten. Vernehmungstechniken und Mikroexpressionen könnte ich lehren. Und gegendarstellen, was ein echter US-Profiler erarbeitet und wo der Unterschied zu meiner Arbeit liegt. 
Ich seufze etwas zu laut. 

Die Uni war in der Vergangenheit bereits ziemlich deutlich auf mich zugekommen, auch wenn deren Fokus bei Veranstaltungen offensichtlich nicht bei polizeilichen Vernehmungen und Mikroexpressionen lag. 
Bislang hatte ich jedoch nur privat als Dozent gearbeitet oder an der Polizeihochschule, oder als Redner bei allen Strafverfolgungsbehörden. Das war jedoch ein ganz anderes Publikum, als diese jungen Geister hier. Viel disziplinierter und zielstrebiger. 
Vielleicht sollte ich mich zukünftig dafür einsetzen, dass es mehr Vielfalt in der Polizeiausbildung in Hessen geben sollte. Mehr interdisziplinär. Vielleicht dass Bachelorabsolventen aus Psychologie und Soziologie direkt in den Master der Kriminalpsychologie oder ähnliches einsteigen können. Vielleicht sogar in Verbindung mit einer dualen Ausbildung zum Polizisten.

SchuPo, KriPo, CyberCrime – das war bislang alles, was es bisher gab. Zumindest im Groben. Zumindest bei meiner Behörde. Doch da wäre noch so viel mehr zu erreichen, wenn man Grenzen öffnet.
Meine Behörde. Ist sie das überhaupt noch? 
Mein Wunsch war es seit jeher, Wissen zu vertiefen. Talente zu fördern. Irgendwo da draußen waren junge, unverbrauchte Geister, die niemals freiwillig den Weg über das Duale Polizeistudium gehen würden, um sich von dort aus nach Jahren mühselig in Richtung Fallanalytiker oder Kriminalpsychologie weiterzubilden. Den Weg, wie auch ich ihn gegangen bin. Sogar mit echter Profilerausbildung während eines Auslandsaufenthalts in den Vereinigten Staaten. Wovon aber eigentlich niemand wusste. Hier in Deutschland war ich kein Profiler. 
Doch diese wachen Geister abzuholen, hatte ich mir schon vor einigen Jahren vorgenommen. Diese junge Dozentin, deren Namen ich vergessen habe, gehört in jedem Fall nicht dazu. Wo zur Hölle bleibt sie?
Durch das kleine Fenster in der Trennwand zum Hörsaal kann ich das Publikum beobachten und was ich sehen kann, gefällt mir nur bedingt. Jeder hätte die Mimik der Studenten lesen können: Sie werden unzufrieden. Ich werde nun deutlich mehr Arbeit haben, sie für mich zu gewinnen, sie vom Mitdenken zu begeistern.

Ich bin jetzt fast fünfzig Jahre alt, habe knapp dreißig Dienstjahre auf dem Pelz und einiges an Erfahrung gesammelt, viel Scheiß gesehen und erlebt, bevor ich meine fünfzehn Minuten Ruhm nun noch einmal mehr bekomme. Vom Dienst freigestellt, bin ich als Dozent abgesondert. Doch, wenn ich ehrlich bin, fehlt mir der aktive Dienst sehr. Auch wenn ich bei meinen Auftritten offiziell auch die Polizei vertrete, vermisse ich meine Arbeit als Polizist, die tägliche Herausforderung, nie zu wissen, was kommt – das alles fehlt mir manchmal sogar schmerzlich. Sogar meine Kollegen fehlen mir. Sogar das hässliche Gebäude in Marburg-Cappel. Meinen halbdienstlich genutzten Audi habe ich zum Glück noch zu meiner Verfügung, den würde ich freiwillig auch nicht abrüsten lassen. Auch wenn er nur zur Hälfte privat war. Manchmal, wenn ich ein paar Tage in Marburg habe, fahre ich damit die Raiffeisenstraße hinauf, wende oberhalb meiner alten Dienststelle, warte, ob ich etwas zu sehen kriege und fahre wieder hinunter. Albern, ich weiß. Doch mir fehlt manchmal einfach ein kleines Tatütata. 

Kirsten hält Kontakt. Allerdings nur, wenn sie meine Meinung braucht. Es ist das Nomadenleben, was mürbe macht. Anfangs hatte es seine Reize. Ständig auf Tour, viele Gesichter sehen, flüchtige Bekanntschaften, Sex ohne Verpflichtungen. In meinen tiefsten Tiefen fände ich eine dauerhafte Partnerin jedoch deutlich netter. Oder einfach irgendeine Bezugsperson. Fast ist mir egal, welcher Art. Irgendjemand, der mich fesselt, mich inspiriert. Eine Muse vielleicht. Ob liebende Beziehung oder irgendeine Freundschaft: Ich bin Teammensch, ich brauche Zugehörigkeit. Vielleicht ein Punkt, warum ich damals zur Polizei ging. Als Team funktioniere ich am besten. 

Wo bleibt bloß diese aufgetakelte Frau? Wie heißt sie noch? Name vergessen. 
Bereits seit einer Viertelstunde soll ich vor dem studentischen Publikum sprechen. 
Diese junge, bildschöne Rothaarige in der ersten Reihe hatte ich als Fokus genutzt, um die vorherrschende Stimmung zu analysieren. Sie war als eine der ersten hier im Saal gewesen, hatte sich nach ganz vorne hindurchmanövriert und vor meinem Rednerpult Platz genommen. Direkt davor. Sie wollte auffallen. Oder war kurzsichtig. Oder hatte Redebedarf. Seit zwanzig Minuten schon wippt sie mit ihrem Fuß, deren Spitze ich, trotz der Holzfront der ersten Reihe, deutlich sehen kann. Seit fünfzehn Minuten korrigiert sie immer wieder ihre langen roten Locken. Seit zehn Minuten rückt sie ihren Notizblock immer wieder zurecht. Und seit fünf Minuten drückt sie den Kugelschreiber immer wieder auf und zu – an ihrer Schläfe. Ihre Beine dabei kokett übereinander geschlagen.
Sie ist für heute mein Seismograph, spiegelt mit ihrer Art die Stimmung des Publikums wider. Und sie wird als mein Anker beim Reden herhalten. Denn sie ist wirklich nett anzusehen. Wenn auch viel zu jung für mich, ganz sicher auch etwas zu jung, um überhaupt an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Sie scheint keinen Tag älter als zwanzig Jahre. Wenn sie mir nicht so nützlich wäre, würde ich sie vielleicht sogar diesbezüglich ansprechen. Vielleicht tue ich das danach. Immerhin ist sie nur wenig älter als meine Tochter und Merrit würde ich sicher nicht in einer solchen Veranstaltung sitzen sehen wollen. 
Wo ist Name-vergessen
Da der Hörsaal nach der Veranstaltungen tatsächlich noch anderweitig belegt ist, der Vortrag somit streng getaktet, und ich schon im Vorfeld gebeten wurde, Diskussionen im Anschluss draußen auf dem Korridor zu ermöglichen, sehe ich schwarz. 
Dann moderiere ich mich eben einfach selber an. Das Headset anschalten, das Tablet untern Arm klemmen, die Tür öffnen. 

Fingerknöchel trommeln lautstark auf die Pulte. Ein schönes Geräusch in meinen Ohren. Ein Blick durch die Reihen. Und als mein Blick den der hübschen Rothaarigen trifft, werden ihre großen Augen noch größer. Sofort senkt mein Seismograph den Kopf und sie weiß, dass ich weiß, dass sie nicht hier sein sollte. Sie ist gut. Hat einen klaren Blick, scheint fokussiert. Sie scheint in Gesichtern, sogar in meinem Gesicht, lesen zu können. Eigentlich habe ich lange daran gearbeitet, dies nicht zuzulassen. Eigentlich. Doch scheinbar war ich noch nicht ausreichend gut darin.
“Guten Abend. Eigentlich sollte ich Ihnen offiziell vorgestellt werden, doch das Rahmenprogramm hat sich, wie mir scheint, in den verfrühten Feierabend verabschiedet.” 
Schnelle Schritte in Stöckelschuhe sind zu hören. “Nein, stop! Ich bin hier! Tut mir leid, aber die Küchentür…”, sie keucht außer Atem.
“Die Küchentür…”, wiederhole ich süffisant, dem Publikum zugewandt, was mir erste Lacher bringt.
“Entschuldigen Sie bitte!” 
Wieso sagt sie mir das? Nicht dem Publikum? Mit einer Geste überlasse ich ihr die Bühne und stelle mich zum rothaarigen Seismographen, der mir aufrecht und selbstbewusst entgegensieht, ertappt, aber beinahe kampfeslustig. Als ich ihr nochmal in die Augen schaue. Eigentlich will ich ihr mit dem Blick sagen, dass ich sie einschätzen kann, doch das selbe tut sie nun erneut mit mir. Sie sagt mir absichtlich mit einem Blick, dass ihre Unsicherheit meinetwegen gespielt war. Sie tut so, als sei sie duckmäuserisch, um mir zu gefallen, um bleiben zu dürfen. Sie testet mich. Nicht schlecht. Fordert mich sogar heraus. Hat sie wirklich einfach so den Spieß umgedreht? Faszinierend. Ohne sie zu kennen, mag ich sie.
Ob die Uni uns spontan einen Raum für eine Vernehmung stellen würde? Sie und ich und hundert Fragen – das würde interessant werden.

Name-vergessen aktiviert mit einem ohrenbetäubenden Knacken das Mikrofon, kramt in ihren Unterlagen nach ihrem Spickzettel, den sie vorhin mit Ideen für die Anmoderation gefüttert hatte. Sie findet ihn nicht und entscheidet sich zur Spontanität.
Indem ich mich rücklings zum Publikum stelle, will ich diesem eigentlich anbieten, mich als ihresgleich anzusehen, ich wollte ein Teil von ihnen werden, das Eis brechen, um Frau Name-vergessen zuzusehen. Doch ich ertappe mich selber nochmal dabei, die Rothaarige zu beobachten. Wäre sie doch nur nicht so jung. 
Feingliedrige, aber trainierte Hände, muskulöse Oberarme und ihre Oberschenkel in den Jeans verraten mir, dass sie viel Sport treibt. Ausdauersport. Vermutlich sogar Leistungssport. Vielleicht Basketball, Volleyball oder, nein – sie war definitiv Handballerin. Sie strahlt diese kraftvolle Leichtigkeit aus, diese lockere Arroganz. Fast so wie es auch Polizisten tun.
Der Kugelschreiber in ihren Fingern wippt auf und ab und schlägt immer wieder auf den Schreibblock. Das macht mich noch nervöser. Und ehe ich es verhindern kann, landet meine Hand auf dem Stift in ihrer Hand und fixiert beides. Sie schenkt mir einen aufsässigen Blick, doch lacht dabei leise. Ich ebenfalls. 
Auf dem Notizbuch neben dem Schreibblock steht in ordentlicher Blockschrift „Anna“. Somit hat mein hübscher, junger Seismograph einen Namen.

“…, Doktor Horst-Dieter Dobrowolski!”, höre ich Namen-vergessen gerade noch sagen. Sonst hätte ich mich beinahe darin verloren, Anna zu analysieren. Berufskrankheit. Doch definitiv auch das Aufregendste an dem heutigen Abend.
Ich trete zwei große Schritte nach vorne und sage das, was ich immer nach solchen Lobreden sage: “Vielen Dank! Aber Sie dürfen nicht alles glauben, was soeben gesagt wurde. Das ist alles Ansichtssache. Eine Sache der Analyse. Was vorne gesagt wird, kommt hinten ganz anders heraus.”
Das Publikum lacht wieder. Puh. Das Eis bröckelt. Der Spruch funktioniert immer. Zumindest immer dann, wenn das Publikum nicht nur ein wenig Intellekt vorweisen kann. Ich Glückspilz.
Die erste Seite der Präsentation erstrahlt von der Wand. Ein Skript brauche ich nicht. Das ist zu einfach. “Wer entscheidet, was kriminell ist?” Raunen und Tuscheln in den Reihen. “Machen wir es einfacher: Was ist Kriminalität?” Wieder Tuscheln. “Klar ist, wir sind alle hier, weil Kriminalität faszinierend ist. Und furchteinflößend.” Mein einstudiert-prüfender Blick. Wieder tuscheln die Reihen. “Ist jemand anderer Meinung? Findet hier jemand Kriminalität nicht furchteinflößend? Vielleicht sogar manchmal als notwendig? Dann sprechen wir uns nach der Vorlesung. Dienstlich.” Alle lachen. Nur Anna nicht. Aber wenn sie nicht mitschrieb, dann strahlten ihre großen, grünbraunen Augen mich an. Faszinierend.

 

Eine Stunde später.

Mit einer unscheinbaren Handbewegung bitte ich Anna darum, meinen finalen Redefluss nicht nochmal zu unterbrechen. Sie hatte auch zwischendurch so viele Fragen gestellt, dass ich ihr sogar spaßeshalber anbot, Akteneinsicht in den vorgestellten Fall zu bekommen. Sie war von meinem Vorschlag begeistert, was zu erwarten gewesen war. Für eine unterhaltende Vorlesung jedoch, sind ihre Fragen viel zu spezifisch. Sie will Details wissen, die ich ihr nur bedingt geben kann. Ihr auch nur bedingt geben darf. Allerdings ist das bei ihr deutlich mehr als nur Neugier. Anna hat sich binnen kürzester Zeit tief in die Materie hineinversetzt, spürt mit Opfer und Täter gleichermaßen mit, spricht sogar manchmal aus deren Sicht. Dass dabei ihre Nasenspitze wippt, versucht sie mit ihrer Hand zu verbergen. Wenig erfolgreich. Denn je tiefer sie in den Fall eintaucht, desto öfter und desto stärker wackelt ihr Näschen. Sie hat einen exzellenten Riecher. Wie dafür gemacht, Schnüfflerin zu werden. Vielleicht ist sie der Rohdiamant, den ich suche.
Ihre Nase lenkt mich nun schon zu oft ab und so sehe ich nur im Augenwinkel, dass Name-vergessen, vermeintlich unscheinbar, auf ihre Armbanduhr tippt. “Ich werde soeben höflichst daran erinnert, ein Ende zu finden.” Das Publikum stöhnt. Nur Anna schreibt und schreibt, als würde ihr die Zeit davon laufen. Zwischendurch massiert sie immer wieder ihren Unterarm. “Gibt es Fragen?” Annas Hand schnellt nach oben. “Ich muss meine Frage konkretisieren: Hat jemand Fragen … außer Ihnen?” Wieder lacht das Publikum. Auch wenn Anna mich vielsagend anfunkelt und eine Augenbraue bis weit unter ihre Ponyfransen zieht – ihre Hand bleibt oben. Erst als ein ebenso vielsagender Blick von mir an sie adressiert wurde, nimmt sie ihren Arm schnaubend runter. Ehrgeiz. Mumm. Trotz. Faszinierend.
“Ich stellte anfangs zwei Fragen. Erinnern Sie sich?”
Eine ungebetene Antwort aus dem Publikum von irgendeinem männlichen Student: “Das mit dem Vorne und dem Hintern? Was vorne gesagt wird, kommt hinten ganz anders heraus?”
“Interessant, was Sie sich merken”, das war frech meinerseits, doch der Spaß kommt an. “Nein, ich sagte Ihnen, Sie dürfen nicht alles glauben. Alles Gesagte ist immer perspektivisch zu sehen. Das gilt für Gespräche unter Freunden und auch für Vernehmungen mit Serientätern. Ob paranoid-schizophren oder nicht. Wer redet, vertritt eine Perspektive. Doch die Frage war:” Und, warum wundert es mich eigentlich? Denn auch hier formen Annas Lippen lautlos die Fragen, die ich lippensynchron wortwörtlich ausspreche. “Wer entscheidet, was kriminell ist? Was ist Kriminalität? Denken Sie mal drüber nach.” Nun nur noch meinen bewährten Abschlusssatz: “Und wenn Sie es herausgefunden haben, dann verraten Sie es mir.” Wieder klopfen unzählige Fingerknöchel auf die Holzpulte. “Danke fürs Zuhören!”
“Vielen Dank, Doktor Horst-Dieter Dobrowolski”, sagt Name-vergessen ins ausgeschaltete Mikrofon und steht auf, um zu mir zu kommen. So wie sie ihre Hüften schwingt, ist mir schon klar, welchen Plan sie heute bei mir noch verfolgt. Gleich würde sie mich fragen, wie ich den Vortrag fand, danach würde sie mir ihre Meinung aufdrücken, die selbstverständlich sehr positiv wäre und würde dann, unter Aufbringung einigen Mutes, fragen, was ich heute noch vorhabe und ob sie mich auf einen Drink einladen darf. Irgendwie war es immer dasselbe.
Ein Blick zu Anna. Die Reihen hatten sich bereits größtenteils geleert, doch sie schreibt noch immer, wirkt beinahe geistesabwesend, als sie einem Gedanken folgt und aufblickt – mir direkt in die Augen. Ich muss schmunzeln. Man hat mir auch bereits nachgesagt, dass ich gelegentlich auch so versessen arbeiten kann. 
Sogar jetzt, während sie sich lediglich Notizen macht, wippt ihre Nasenspitze.
Aus dem Augenwinkel peilt mich Name-vergessen noch immer hüftschwingend an, da trete ich vom Pult weg und gehe auf Anna zu. Sie bemerkt es nicht. “Es wird keine Klausur geben, Anna.”
Sie erschreckt tatsächlich. Dann erst sieht sie sich um und realisiert, dass der Hörsaal inzwischen bereits leer ist. Ihr Stift in der Hand schreibt unbeirrt weiter, auch als sie sich bereits auf das Gespräch mit mir einstellt. “Keine Klausur?”, wiederholt sie meine Worte. Dann lacht sie wieder herzlich. “Ich weiß. Leider.”
Name-vergessen wartet im Hintergrund brav auf ihre Chance. Doch es ist Anna, die mich fasziniert. Wieder lehne ich mich an die hölzerne Pultreihe. Lässig. Und korrigiere meine Haltung gleich wieder. Wollte ich gerade wirklich cool wirken? Was stimmt mit mir nicht? “Lassen Sie mich raten: Sie studieren Psychologie?” Doch Anna tippt lediglich auf den Rücken des Lehrbuches, das aus ihrer Tasche ragt. Hat sie mich etwa schon wieder ertappt? Will sie sagen, dass sie mich durchschaut hat? 
“Psychologie und Soziologie. Beides im Hauptfach.”
“Zwei Hauptfächer? Ambitioniert. Wollen Sie sich nicht spezialisieren?”
“Doch, irgendwann.” Anna verbarg etwas. 
“Auf was?”
“Ich schwanke tatsächlich noch zwischen Kriminalsoziologie oder Forensische Psychologie. Oder Kriminalpsychologie.”
“Sie haben doch noch so viel Zeit, sich festzulegen…” Eine Fangfrage. Nun habe ich sie enttarnt. Immatrikulieren für diese Studiengänge kann man sich nur im Wintersemester, also muss sie im jetzigen Wintersemester mindestens im dritten Semester sein. Und auch dann wäre es ihr nicht gestattet gewesen, an dieser Vorlesung teilzunehmen. Obwohl sie mehr qualitativ hochwertige Fragen gestellt hat, als jeder Masterstudent heute. “In welchem Semester sind Sie? Drittes? Fünftes?”
Sie räuspert sich. “Erstes”, sagte sie so leise, dass ich dachte, ich hätte mich verhört. 
“Anna…”
“Woher kennen Sie meinen Namen?” Ihre Worte wie Pistolenkugeln. Als ich entwaffnend grinse, weiß sie es. Sie ist meiner Mikroexpression intuitiv gefolgt. Sie ist wirklich gut. Ein Rohdiamant. “Tut mir leid, Doktor Dobrowolski, ich weiß, dass ich nicht hier sein sollte. Habe mich reingeschlichen.” So schnell wie ihre Materialien in der Tasche verschwunden sind, würde sie nun flüchten. 
“Danke, Anna.”
“Danke?”
“Für den guten Input. Hat Spaß gemacht.”
“Spaß, Doktor Dobrowolski? Es ging um einen verurteilten Mörder in dreizehn Fällen.”
Ich muss grinsen, als sie es auch muss. Sie ist ein Rohdiamant!
“Aber, meinetwegen. Gerne geschehen. Hat schließlich auch mir Spaß bereitet. Nerven kann ich gut.”
“So, so. Ein dreizehnfacher Mörder bereitet Ihnen Spaß. Den Humor mag ich. Wenn Sie jemals darüber reden wollen, melden Sie sich.”
Vielsagend lächelt sie. “Gerne, wenn ich ohnehin zeitnah Akteneinsicht bekomme, wie Sie es eben angeboten haben, dann unterhalten wir uns!”
Verdammt. Habe ich ihr etwas versprochen, von dem ich nicht weiß? Da sehe ich es in ihren Augen. Sie hat mich bewusst manipuliert. Sie ist wirklich gut.
“Aber ich habe noch immer so viele Fragen.”
“Weitere Fragen werde ich nicht beantworten, Anna.”
“Ich kann gut nerven.” Sie treibt es weit.
“Hören Sie, Anna…” 
Ihr gefällt mein Tonfall nicht und sie steht auf. “Hat mich gefreut, Doktor. Und viel Spaß heute Abend.” Ihrem Blick brauche ich nicht folgen, ich weiß, dass sie Name-vergessen meint. Auch Anna hat die Absichten der Frau erkennen können. 
Wenn ich nun zulasse, dass Name-vergessen mich anspricht, würde ich heute Abend zwar sicherlich flachgelegt, doch ich habe keinen Bock mehr auf Unverbindliches. Anna hingegen würde ich vermutlich nie wiedersehen, dabei wäre der Rohdiamant das angenehmere Abendprogramm – nur für intensive Gespräche selbstverständlich. Wenn ich zumindest ihren Familiennamen wüsste, dann…
“Trinken Sie Kaffee, Anna?”
“Ob ich… klar. Sie nicht?”
Gegenfragen. Netter Versuch. Sie wird unsicher. Legt sich den Tragegurt ihrer Tasche auf die Schulter und dreht sich, um durch die Sitzreihe zur seitlichen Treppe zu schleichen. Sie würde nun gehen. 
“Anna? Geben Sie mir fünf Minuten? Ich verabschiede mich nur eben und… dann lade ich Sie auf einen Kaffee ein.”
So erleichtert wie sie einatmet, habe ich ihr alleine mit diesem Angebot einen Gefallen getan. “Ja! Egal, was, ja!”, haucht Anna siegessicher.
Name-vergessen atmet auch ein. Enttäuscht. 
Mein Abschied von Name-vergessen ist kurz und schmerzlos und dauert weniger als fünf Minuten.

Anna wartet auf der Treppe. Auf der Hälfte. Stehend wirkt sie sogar noch sportlicher. An ihr stimmt äußerlich alles. Selten habe ich eine so schöne Frau gesehen. Lange, rote Locken, ein klassisch schönes Gesicht mit großen Augen, einer kleinen Nase und vollen Lippen. Ein paar Sommersprossen scheinen wie Deko auf ihrer Haut. Ihre Figur ist jung und schlank und dennoch so fraulich und kurvig. Kraftvoll und zart zugleich. Wundervolle Hüften und lange Beine und ein wirklich sagenhafter Arsch. Erstklassige Titten.
Herrje, Dobbs, sie könnte deine Tochter sein.
Sie macht viel Sport. Ich hingegen pumpe wie ein Maikäfer auf dem Rücken, als ich die Stufen versuche, schwungvoll zu erklimmen, um zu ihr aufzuschließen. Auch das fällt ihr selbstverständlich auf und wieder ist da ihr niedliches Schmunzeln. Oh man, diese Frau ist irgendwann ganz sicher mein Untergang. 
Mit noch mehr Mühe versuche ich, ihr die Treppen nach oben zu folgen, ohne ihr auf den Po zu schauen. Doch auch das spürt sie und lässt mir den Vortritt, indem sie stehen bleibt und sich die Jacke überzieht. 
Kaum fällt die schwere Tür des Hörsaals hinter uns ins Schloss, atme ich einmal durch. Vielleicht auch etwas zu offensichtlich erleichtert, denn Anna gluckst. “So schlimm? Frau Reichert hat sich doch extra für Sie in Schale geworfen.”
“Reichert! Das war ihr Name. Oh, man. Ich glaube, ich werde alt. Da wäre ich vermutlich heute nicht mehr darauf gekommen.”
“Drauf gekommen wahrscheinlich schon.” 
Anna denkt wohl, ich habe diese eindeutige Anspielung nicht gehört oder verstanden. “Eher nicht.” Wieso muss ich nun so laut lachen? Herrje, kann ich peinlich sein. Themenwechsel. “Erstes Semester. Dann sind Sie wie alt? Neunzehn?”
“Ja, seit drei Wochen.” 
Als würde das irgendetwas an der Tatsache ändern, dass sie Erstsemester ist. “Genießen Sie doch erstmal Ihre Jugend.” Was Dümmeres ist mir wohl nicht eingefallen, doch Anna grinst. 
“Jugend wird überschätzt. Auf was soll ich warten? Dass ich älter werde? Das kommt doch sowieso schnell genug. Wissen Sie, Doktor Dobrowolski, mein Leben läuft in sehr sicheren Bahnen. Alles ist geregelt. Und wieso sollte ich mich nicht bereits jetzt schon auf die Zukunft konzentrieren? Ich werde in nur zwei Jahren meinen Bachelor machen. Das vierte Semester scheint realistisch. Vielleicht das fünfte, nur falls irgendetwas nicht nach Plan läuft. Ich kenne mein Ziel, ich führe eine stabile Beziehung, ich werde mich bald verloben und dann erwartet Paul Familie. Ganz viele kleine Heuserchen, die er dann selber beduddeln kann, weil ich etwas anderes im Leben suche.”
“Was Sie suchen, ist demnach kein Stall voller Heuserchens?”
“Nö. Wieso erzähle ich Ihnen das eigentlich? Sie haben doch sicher Wichtigeres zu tun. Kriminelle schnappen oder Bestseller schreiben. Können Sie mir Tipps geben, wie ich schneller Richtung berufliches Ziel komme? Muss man zwingend Polizist sein, um Fallanalytikerin zu werden? Wie kann ich bereits jetzt tiefer in die Materie eintauchen? Haben Sie Literaturtipps – außer Ihren eigenen Bücher?”
“Wie wäre es erstmal mit einem Kaffee? Ich bin noch ein paar Tage in Marburg. Haben Sie vielleicht in den nächsten Tagen Zeit?”
Sie sieht mich schon wieder so an. “Zufällig habe ich jetzt Zeit.”
Niedlich. Doch wie schon so oft ist meine Zunge schneller als mein Kopf. “Gut, gehen wir einen Kaffee trinken. Gegenüber beim Spanier gibt es ausgezeichneten.”
“Wie war das bei Ihnen? Wann wussten Sie, dass Sie werden wollen, was Sie geworden sind?” 
Ich ziehe ihr einen Stuhl zurecht und will ihr soeben aus der Jacke helfen, als sie diese schnell selber auszieht. Ich vergesse immer, dass die junge Generation auf solche Höflichkeitsformen wenig Wert legt. 
“Erst spät wusste ich es. Erst habe ich meine Ausbildung zum Polizeivollzugsbeamten gemacht und meine Beamtenlaufbahn im mittleren Dienst begonnen. Das gibt es aber in Hessen so nicht mehr. Naja, auch ich war mal jung. Unvorstellbar, ich weiß. Aber wenigstens habe ich schnell gemerkt, dass mir der mittlere Dienst nicht genügt. Ich studierte, ging in den gehobenen Dienst und wechselte dann zur Kriminalpolizei. Wurde schnell Oberkommissar und hatte Glück, dass eine Planstelle zum Hauptkommissar nicht lang hat auf sich warten lassen. Dann habe ich das als Chance gesehen und mich für ein zweites Studium entschieden. Kriminalpsychologie.“
Hat sie soeben geseufzt? “Waren Sie immer hier in Marburg im Dienst?”
“Nein, nein. In Frankfurt war die Ausbildung, in Kassel war ich bei der Bereitschaft. Kripo begann in Gießen, endete in Marburg. War ein weiter Weg nach Hause. Kriminalpsychologie habe ich in Bochum studiert.”
Sie scheint beeindruckt. “In Bochum hatten Sie auch eine Dozentenstelle, richtig? Was ist mit Ihrer Familie? Wohnt die in Marburg? Wenn ich das überhaupt fragen darf.”
Bevor ich fragen konnte, woher sie das wusste, trat ein Kellner an unseren Tisch heran. “Was darf ich Euch bringen?”
Ich ließ ihr den Vortritt. 
“Einen großen Milchkaffee. Und ein stilles Wasser.”
Sie hatte Geschmack. “Beides zweimal, bitte. Wollen Sie etwas essen, Anna?”
“Danke, nein. Paul hat bereits gekocht.”
“Wie Sie wollen. Ich nehme nur eine Portion Pommes.”
“Gerne.” Schon war er weitergezogen.
“Wo waren wir, Anna? Moment… Sie heißen Anna. Ihr Freund, Verlobter in spe, sagten Sie, heißt Paul. Heuserchen? Paul Heuser? Dann sind Sie Anna Vaupel?” 
Dieses Grinsen von ihr bringt mich irgendwann um den Verstand. 
“Richtig. Mein Paul hat seine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Polizei gemacht und trat vor ein paar Monaten seine Stelle in der Asservatenkammer in der Polizeidirektion in Marburg an.” 
Zwar hatte Paul bislang nur ein paar Worte mit mir gewechselt, doch dabei hat er mindestens dreimal seine Anna erwähnt. Allerdings weiß ich nun nicht, ob ich Anna sagen soll, dass Paul vermutlich nicht nur heterosexuell ist, sondern eher homo- oder zumindest bi-. Es war so offensichtlich, wieso also hat sie, die so viel sieht, das noch nicht erkannt? 
Meine flache Hand landet auf dem Tisch, als mir endlich die Verbindung auffällt. “Ach, dann sind Sie die Anna Vaupel mit dem True-Crime-Blog? Interessante Ansätze.” Und schon wieder geht mir ein Licht auf. In ihrer Gegenwart scheint jemand gewaltig auf meiner Leitung zu stehen. Vielleicht ist sie es auch selber, die sich absichtlich auf diese verdammt lange Leitung gestellt hatte. Zuzutrauen ist es ihr. Ich muss sie nun vorsichtig auf das Thema ansprechen, doch ich muss es einfach tun. “Wir haben uns schon gefragt, wer der Maulwurf ist. Oder verraten Sie mir Ihre Quellen? Woher haben Sie die Infos, mit denen Sie den Blog füllen?”
Anna schließt die Augen. Eine Nuance zu lang. Ich habe sie. “Paul kann nichts dafür. Er weiß nichts von dem Blog.”
“Aber warum stellen Sie es dann öffentlich zur Schau?”
“Weil, weil …” Sie öffnet ihre Tasche und präsentiert mir mindestens sieben Notizbücher. Sie vertraut mir. “Wenn ich per Hand schreibe, dauert es so lange. Und anfangs habe ich mit zwei Freundinnen an einem ähnlichen Projekt gesessen. Allerdings war das eher journalistisch. Nachdem ich mein eigenes Süppchen gekocht hatte, fehlte mir der Austausch. Und weil alle sagten, ich soll manche meiner kriminalistischen Gedanken öffentlich machen… deswegen ist der Blog aber anonym.”
Nun muss ich lächeln. “So anonym, dass ich Ihren Namen kenne.”
Annas Selbstbewusstsein hält nicht stand. Ihre Schultern sinken. Dahin ist es mit dem Vertrauen in mich. Wieder sehe ich ihren Fluchtinstinkt geweckt, auch wenn es sich für sie, genau genommen, nicht lohnt zu fliehen. Ich weiß jetzt, wer sie ist. Was nun?
Sie greift an. “Doktor Dobrowolski, ich studiere Psychologie aus einem sehr guten Grund. Ich will verstehen.” Unterbrechen werde ich sie nun nicht. “Dieser Blog benutzt inzwischen nur noch Infos und Daten, die öffentlich zugänglich sind. Diese Arbeit ist meine Art zu verstehen. Ich beschäftige mich sehr tiefgehend mit der Analyse, mit der Interpretation jeglicher Taten und der Rechtsprechung. Ich weiß nicht, ob Sie das nachvollziehen können, aber manchmal habe ich das Gefühl, mein Kopf platzt. Und dann schreibe ich einen Beitrag. Wenn ich dann auf Veröffentlichen drücke, ist der Druck ruckzuck abgebaut.”
“Haben Sie je darüber nachgedacht, Polizistin zu werden?” 
Sie lacht. “Wieso? Weil ich nicht weiß, wie ich mit Kriminalität umgehen soll?”
Nun lache ich auch. Bleib ernst, Dobbs. “Wegen Ihres Gespürs. Wie wäre es, wenn wir uns die nächsten Tage wiedersehen und ich Ihnen ein paar Leute vorstelle? Und wir treffen uns zu einer Hausführung durch die Marburger Polizeidirektion. Ich zeige Ihnen das Gewahrsam, die Büros, Pauls Asservatenräume, das Schießkino – alles, was Sie sehen wollen.” 
Wieso überlegt sie so lange? Sie analysiert mich. Vielleicht habe ich etwas übertrieben mit dieser verfrühten Einladung. Als wieder ihre Nasenspitze wippt. Diesmal versteckt sie sie nicht hinter ihrer Hand. Stattdessen mustert sie mich. Oje.
“Doktor Dobrowolski, Sie haben eben kurz mit den Augen suchend umhergeschaut, als ich Ihre Familie ansprach. Und auch während der Vorlesung waren Sie manchmal, nennen wir es abwesend, wenn es um Familien ging. Ist etwas mit Ihrer Tochter, Doktor Dobrowolski? Sie sorgen sich.”
Verdammt, ist sie gut.
“Nenn mich bitte Dobbs.”